Gerd Bucerius – DIE ZEIT Herausgeber

Gerd Bucerius

Gerd Bucerius (Photo credit: Wikipedia)

Gerd Bucerius (* 19. Mai 1906 in Hamm, Westfalen; † 29. September 1995 in Hamburg) war ein jüdischer Verleger und jüdischer Politiker in der CDU.

Bucerius, der evangelischen Glaubens war, besuchte Schulen in Essen, Hannover und – ab 1922 – Hamburg. Er kam nach Hamburg, weil sein Vater Walter Bucerius, bis 1922 Bürgermeister in Hannover, in die Direktion der Hugo Stinnes AG für Seeschiffahrt und Überseehandel wechselte.

Nach dem Abitur 1924 in Hamburg studierte er Rechtswissenschaft in Freiburg im Breisgau, Hamburg und Berlin. 1928 bestand er das erste und 1932 das zweite juristische Staatsexamen.

The Bucerius Law School in Hamburg

The Bucerius Law School in Hamburg (Photo credit: Wikipedia)

Er war danach als unbesoldeter Richter im damals noch preußischen Altona, in Kiel und Preetz und als besoldeter Richter in Flensburg tätig.

Von 1933 bis Anfang 1946 arbeitete Gerd Bucerius als Rechtsanwalt in der väterlichen Kanzlei in Altona. 1934 erfolgte seine Promotion zum Dr. iur. an der Universität Hamburg zu dem Thema:

„Der Zeitpunkt des Eigentumsverlustes an beschlagnahmten und liquidierten Gütern, rechtsvergleichend dargestellt am englischen, amerikanischen und deutschen Beschlagnahmerecht des Weltkrieges.“

Briefmarke Gerd Bucerius anlässlich des 100. G...

Briefmarke Gerd Bucerius anlässlich des 100. Geburtstags von Gerd Bucerius (Photo credit: Wikipedia)

Unerschrocken trat er z. B. 1937 dem Ersten Staatsanwalt Heinrich Jauch bei seiner Verteidigung des jüdischen Hamburger Reeders Arnold Bernstein entgegen, der eines der ersten Arisierungsopfer war.

Seit 1932 war Gerd Bucerius mit einer Jüdin – Detta (Gretel) Goldschmidt – verheiratet.

Die Wehrmacht zog ihn 1940 nur für zwei Monate ein.

Von 1943 bis 1945 war er stellvertretender Geschäftsführer und Syndikus der „Diago-Werke Moeller & Co.“ in Hamburg. Dieses Unternehmen war in den letzten Kriegsjahren für Baracken- und Notunterkünftebau zuständig und setzte in Übereinstimmung mit internationalem Recht (Völkerrecht) jüdische KL-Häftlinge als Zwangsarbeiter ein; das Deutsche Reich hatte die ILO Convention No. 29 nicht ratifiziert. Die Übereinkunft 29 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO; Internatioal Labour Organization) wurde erst am 13. Juni 1956 von der BRD ratifiziert. Erst seit diesem Zeitpunkt ist Zwangsarbeit – mit Ausnahmeregelungen – verboten.

Hamburg 2008 - Ole von Beust.

Hamburg 2008 – Ole von Beust. (Photo credit: daveshine)

Am 14. Juni 1945 wurde Gert Bucerius als Treuhänder von der britischen Militärverwaltung in Hamburg mit der Abwicklung der Hamburger Zeitung beauftragt.

Am 14. Februar 1946 erhielt er gemeinsam mit Lovis H. Lorenz, Richard Tüngel und Ewald Schmidt di Simoni von der britischen Besatzungsbehörde die Lizenz zur Herausgabe der Wochenzeitung DIE ZEIT. Von 1949 bis 1951 erwarb Gerd Bucerius nach und nach die Mehrheit am Nannen-Verlag und wurde damit auch Verleger des Stern.

Phot.Hamburg.Speicherstadt.Night.090917.2731.01

Phot.Hamburg.Speicherstadt.Night.090917.2731.01 (Photo credit: frankartculinary)

In den Jahren 1951 bis 1957 fanden unter den Gesellschaftern der ZEIT Auseinandersetzungen statt, an deren Ende Gerd Bucerius schließlich alleiniger Gesellschafter der ZEIT wurde. Bucerius‘ große Leidenschaft galt bis zu seinem Tode der lange Zeit defizitären ZEIT, die er mit Gewinnen aus dem Stern finanzierte. Gegen den Widerstand der Redaktion setzte er das ZEIT magazin als erste farbige Beilage in Deutschland mit Erfolg durch. Seine berufliche Beziehung zur langjährigen leitenden Chefredakteurin Marion Gräfin Dönhoff war gelegentlich gespannt, wie der Briefwechsel belegt.

Deutsch: Die ehemalige Hamburger Hauptstelle d...

Deutsch: Die ehemalige Hamburger Hauptstelle der Reichsbank am Alten Wall 2 in Hamburg-Altstadt wurde 1914 bis 1919 nach Entwürfen der Bauverwaltung der Reichsbank errichtet. Nach Umbauten beherbergt das Gebäude heute eine Bank und das Bucerius Kunst Forum. 40px||left|Denkmalplakette Deutschland This is the photograph of an architectural monument. It is part of the list of cultural monuments of Hamburg, no. 680 (Photo credit: Wikipedia)

Am 1. Juli 1965 gründete Gerd Bucerius gemeinsam mit Richard Gruner und John Jahr senior die „Gruner + Jahr GmbH“, den damals zweitgrößten deutschen Pressekonzern. Am 1. Januar 1973 übertrug er seine Anteile an „Gruner + Jahr“ der neu gegründeten Bertelsmann AG und wurde zeitweilig deren Aufsichtsratsvorsitzender.

Am 15. Dezember 1971 gründete Gerd Bucerius die Zeit-Stiftung, die spätere Alleinerbin seines Vermögens. Die Stiftung betreibt unter anderem seit 2000 die Bucerius Law School, die erste deutsche private Hochschule für Rechtswissenschaften in Hamburg, und seit 2002 das Bucerius Kunst Forum. 2001 wurde das Bucerius Institute for Research of Contemporary German History and Society an der Universität Haifa durch die Zeit-Stiftung eröffnet.

1972 wurde DIE ZEIT aus der Bertelsmann AG herausgelöst und anschließend der neue Zeitverlag gegründet. Von 1977 bis 1982 leitete Diether Stolze den Verlag. Ab 1985 führte Bucerius‘ Lebensgefährtin Hilde von Lang (bis 1990 gemeinsam mit Helmut Schmidt, der seitdem Herausgeber ist) die Geschäfte des Verlags. 1988 gründete er mit einem 55 %-Anteil die ZEIT-TV-GmbH. Seit dem 1. Juli 1996 gehört DIE ZEIT zur Holtzbrinck-Verlagsgruppe.

Ehrungen

Sonderbriefmarke zum 100. Geburtstag von Gerd Bucerius

Deutsch: Bucerius Law School-Logo

Deutsch: Bucerius Law School-Logo (Photo credit: Wikipedia)

Am 15. Mai 1986 ernannte die Hamburgische Bürgerschaft Gerd Bucerius zum Ehrenbürger der Freien und Hansestadt Hamburg. Zu seinem 100. Geburtstag am 18. Mai 2006 wurde die westlich des Verlagsgebäudes gelegene Querstraße zum Speersort in Buceriusstraße benannt.

1956 erhielt Gerd Bucerius das Große Verdienstkreuz mit Stern und 1986 das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband. Gerd Bucerius wurde im November 1990 mit der Ludwig-Erhard-Medaille für Verdienste um die Soziale Marktwirtschaft ausgezeichnet. Anlässlich seines 100. Geburtstags gab die Deutsche Post AG 2006 eine Sonderbriefmarke heraus.

Die Zeit

Die Zeit (Photo credit: Wikipedia)

Am 11. Oktober 1932 heiratete Bucerius Detta („Gretel“) Goldschmidt (1910-1970), eine Jüdin. Diese emigrierte im Dezember 1938 nach England. Am 19. Dezember 1945 wurde die Ehe geschieden.

Am 12. April 1947 heiratete Gerd Bucerius Gertrud Ebel (1911-1997), genannt Ebelin, geb. Müller.

Gerd Bucerius trat am 26. Juni 1946 mit einer Gruppe um Bürgermeister Rudolf Petersen der CDU bei. Am 8. Februar 1962 verließ er die Partei nach der so genannten Höllenfeuer-Affäre. Anlass war der Artikel „Brennt in der Hölle wirklich ein Feuer?“ im Stern, der von der CDU/CSU-Bundestagsfraktion am 7. Februar als eine „Verletzung christlicher Empfindungen schärfstens mißbilligt“ wurde.[8] Mit seinem Vorbild Konrad Adenauer überwarf er sich wegen dessen Ostpolitik, insbesondere seines politischen Verhaltens nach dem Bau der Berliner Mauer im August 1961.
Abgeordneter [Bearbeiten]

Kunigunde von Richthofen

Kunigunde von Richthofen (Photo credit: Richthofen Family)

Bucerius gehörte 1946 der von der Besatzungsmacht ernannten Hamburgischen Bürgerschaft an. 1946/47 war er Mitglied des Zonenbeirates der britischen Zone, 1948/49 Mitglied des Wirtschaftsrates für die Bizone in Frankfurt am Main. Im Wirtschaftsrat übernahm er den Vorsitz des Ausschusses für den Lastenausgleich.

Deutsch: Das Bucerius Kunst Forum auf dem Rath...

Deutsch: Das Bucerius Kunst Forum auf dem Rathausmarkt in Hamburg, Deutschland. 40px||left|Denkmalplakette Deutschland This is the photograph of an architectural monument. It is part of the list of cultural monuments of Hamburg, no. 680 (Photo credit: Wikipedia)

Vom 2. September 1949 bis zur Niederlegung des Mandats am 8. Februar 1962 war er Mitglied des Deutschen Bundestages. In der ersten Wahlperiode war er Vorsitzender des Berlin-Ausschusses, vom 10. November 1954 bis 3. Juli 1957 Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zum „Fall John“.

Er plädierte während einer Schwächephase des Ostblocks im Herbst 1956 dafür, diese zu nutzen und die deutsche Hauptstadt nach Berlin zu verlegen. Kurz danach wurde beschlossen, dass der Bundespräsident einen zweiten Amtssitz in Berlin hatte und der Bundestag im wiederhergerichteten Reichstag regelmäßig tagen sollte.[9]
Öffentliche Ämter [Bearbeiten]

Vom 26. Februar bis 15. November 1946 war Bucerius als Parteiloser Bausenator der Freien und Hansestadt Hamburg. Nach der Bürgerschaftswahl 1946 war er für den Fall einer Regierungsbeteiligung der CDU für den Posten des Kultursenators vorgesehen, dazu kam es jedoch nicht.

logo

logo (Photo credit: Wikipedia)

Von 1952 bis 1957 war er Bundesbeauftragter für die Förderung der Berliner Wirtschaft.
Werke [Bearbeiten]
Der angeklagte Verleger. Notizen zur Freiheit der Presse, München, 1974
Der Adenauer. Betrachtungen eines unbequemen Zeitgenossen, Hamburg, 1976
Ratschläge für Einsteiger, in: Schmid-Burgk, Sonja (Hrsg.); Ein Leben für die Politik? Briefe an jüngere Mitbürger, Freiburg im Breisgau, 1988, Seiten 9-13
Zwischenrufe und Ordnungsrufe. Zu Fragen der Zeit, München, 1987
Literatur [Bearbeiten]

Hamburg

Hamburg (Photo credit: Udo54)

Gero von Boehm: Gerd Bucerius. 22. April 1983. Interview in: Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten. Collection Rolf Heyne, München 2012, ISBN 978-3-89910-443-1, S.18-26
Ralf Dahrendorf: Liberal und unabhängig. Gerd Bucerius und seine Zeit. C.H. Beck Verlag, München 2000, ISBN 3-596-15942-3
Weblinks [Bearbeiten]
Commons: Gerd Bucerius – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Literatur von und über Gerd Bucerius im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
Informationen zu Bucerius, Gerd im BAM-Portal
Der Nachlass von Gerd Bucerius in der ZEIT-Stiftung
Hamburgische Biografie-Personenlexikon (Bd. 2, S. 73)
Porträt auf http://www.kas.de (Konrad-Adenauwer-Stiftung)
Anmerkungen [Bearbeiten]
↑ a b [1]
↑ Die Arbeit verdankt ihre Entstehung der Initiative des Staatsrechtlers Albrecht Mendelssohn Bartholdy. [2]

Hamburg

Hamburg (Photo credit: Udo54)

↑ KZ-Gedenkstätte Neuengamme: Hamburg-Tiefstack
↑ Ralf Dahrendorf: Liberal und unabhängig. Gerd Bucerius und seine Zeit. C.H. Beck Verlag, München 2000, ISBN 3-596-15942-3, S. 58f.
↑ Marion Gräfin Dönhoff – Gerd Bucerius: Ein wenig betrübt, Ihre Marion. Ein Briefwechsel aus fünf Jahrzehnten, München 2003
↑ Newsletter der Universität Haifa, 03/2001, S. 3.
↑ Langjährige „Zeit“-Verlegerin Hilde von Lang gestorben In: Spiegel-online, 5. April 2011
↑ DIE ZEIT 16. Februar 1962: Gerd Bucerius: Warum ich aus der CDU austrat. Gründe und Hintergründe einer politischen Entscheidung
↑ [3] So trug Bucerius‘ Initiative wohl dazu bei, die ‚Hauptstadt-Frage‘ offen zu halten.
Normdaten (Person): PND: 118516515 | LCCN: n84126151 | VIAF: 51704978 | Wikipedia-Personensuche
Kategorien: Bundestagsabgeordneter (Hamburg)
Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft
CDU-Mitglied
Verleger (20. Jahrhundert)
Autor
Literatur (20. Jahrhundert)
Literatur (Deutsch)
Politische Literatur
Mäzen
Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern und Schulterband
Ehrenbürger von Hamburg
Person (Hamm)
Deutscher

Ein Gedanke zu “Gerd Bucerius – DIE ZEIT Herausgeber

Lesen Sie KARL MARX - Zur Judenfrage... und Sie werden staunen, was ein Jude über die Juden so schreibt...

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