Franz André Heller

Artist André Heller in 2006

Der Jude Andre Heller

Franz André Heller (* 22. März 1947 in Wien) ist ein österreichischer Chansonnier, Aktionskünstler, Kulturmanager, Autor und Schauspieler.

Heller entstammt väterlicherseits einer wohlhabenden jüdischen Familie von Süßwarenfabrikanten: Sein Vater Stephan (1895−1958) war der Sohn von Wilhelm Heller, einem der beiden Gründer der Wiener Süßwarenfabrik „Gustav & Wilhelm Heller“.

Diese Firma wurde durch die Erfindung der Dragées weltbekannt.

Nach seinen eigenen Aussagen war für seine literarische Orientierung schon während seiner Schulzeit der fast tägliche Besuch im Café Hawelka ausschlaggebend. In diesem Wiener Kaffeehaus traf er auf Literaten wie Friedrich Torberg, H. C. Artmann und fallweise Elias Canetti sowie Hans Weigel und Helmut Qualtinger, mit dem er später zusammenarbeitete und auftrat. Bei Hans Weigel und dessen Lebensgefährtin Elfriede Ott nahm er Schauspielunterricht.

André Heller spielte zunächst mit wenig Erfolg an Wiener Avantgardebühnen und versuchte sich später als Programmgestalter beim Österreichischen Rundfunk (ORF).

1967 gehörte er zu den Gründern des ersten deutschsprachigen Popsenders Ö3, bei dem er zunächst die Sendung Musicbox moderierte. 1968 wurde er Co-Autor der erfolgreichen Fernsehsendung Wünsch dir was.

Im selben Jahr erschien auch seine erste Langspielplatte mit dem lakonischen Titel Nr1. Einem breiteren Publikum in Österreich und in der Folge auch im Deutschen Reich German Empire Allemand wurde Heller 1972 bekannt, als der ORF die surreale Fernsehshow Wer war André Heller? ausstrahlte.

Außerdem erschien in diesem Jahr seine zweite LP namens Platte, und bei den Wiener Festwochen wurde sein erstes Theaterstück mit dem Titel

„King-Kong-King-Mayer-Mayer-Ling“ uraufgeführt.

Sein Liederschaffen über einen Zeitraum von über 15 Jahren zählt bis heute zu den vielfältigsten im gesamten deutschsprachigen Raum. Im Laufe der Zeit erspielte er sich einen Ruf als Chansonnier und Liedermacher. Dabei arbeitete er mit internationalen Größen wie Astor Piazolla, Dino Saluzzi, Freddie Hubbard, aber auch österreichischen Künstlern wie Toni Stricker, Wolfgang Ambros oder Helmut Qualtinger zusammen. Heller vertonte vielfach eigene Lyrik, sang aber auch Texte anderer Autoren. So wurde der Titel Catherine aus dem Jahr 1970 zu einem der ersten Hits von Heller. Der Text stammte von dem noch weitestgehend unbekannten Reinhard Mey und die Musik von dem jüdischen Austro-Kanadier Jack Grunsky. Er spielte von Werner Schneyder ins Wienerische übersetzte Chansons von Jacques Brel wie „Franz“ (nach dem Brél-Titel Jef) ein und gab in Titeln wie Angstlied (Verwunschen, 1980) anhand von traumatischen Kindheitserlebnissen intime Einblicke in seine Biographie und

seine katholisch-jüdische Herkunft.

Titel wie Miruna, die Riesin von Göteborg (Verwunschen, 1980) sind wiederum von der Wiener Schule des „Phantastischen Realismus“ beeinflusst. Das Lied vom idealen Park (Narrenlieder, 1985) oder die im Duett mit Wolfgang Ambros eingespielte Bob-Dylan-Coverversion Für immer jung (Stimmenhören, 1983) gelten heute als klassische Titel des Austropop. Der ebenfalls 1983 auf Stimmenhören erschienene Titel Erhebet euch Geliebte war eine der „Hymnen“ der Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre.

Dennoch wandte er sich seit Beginn der 1980er Jahre zunehmend spektakulären Inszenierungen, Aktionen und Installationen zu und beendete dafür 1982 seine erfolgreiche Konzerttätigkeit. 1985 folgte das Album Narrenlieder, das aber kein Erfolg mehr wurde. Es sollte bis in die 2000er Jahre seine letzte Plattenaufnahme sein. Zwischen 1967 und 1985 veröffentlichte er insgesamt vierzehn LPs, die ihm zwölf Goldene Schallplatten und siebenmal Platin einbrachten. 1991 schrieb er rückblickend über diese Zeit:

„Ich habe 1967 begonnen, meine Gedichte mittels meiner Stimme über Schallplatte und in Liederabenden Millionen Menschen zugänglich zu machen. Dies war nach dem Beispiel Bob Dylans zunächst sinnvoller als Lyrikbändchen im Selbstverlag oder bei Suhrkamp zu veröffentlichen. 1982, also durchaus im Zenit dieser Karriere, mußte ich meine Konzerttätigkeit beenden, weil es mir zur Qual wurde, um 20 Uhr vor einigen tausend Zuhörern begabt zu agieren, nur weil sie Eintritt bezahlt hatten.“

– André Heller in den Liner Notes der 1991 erschienenen „Kritischen Gesamtausgabe“

2004 wurde er mit dem Amadeus Austrian Music Award für Ruf und Echo ausgezeichnet. Diese 3-CD-Retrospektive wurde von Chris Gelbmann initiiert, einem österreichischen Liedermacher und damaligen A&R-Manager von Universal Music.

Aus Anlass seines 60. Geburtstags gab André Heller im April 2007 im Wiener Radiokulturhaus nach fünfundzwanzigjähriger Bühnenabstinenz einen Liederabend unter dem Titel „Konzert für mich“.

1976 gründete Heller zusammen mit Bernhard Paul den Zirkus Roncalli, stieg jedoch noch im Gründungsjahr wieder aus dem Gemeinschaftsprojekt aus, seiner Darstellung nach, weil er „den Erfolg nicht teilen wolle“.

1977 scheiterte Franz André Heller zwar mit seinem Versuch, die Stadt München für eine „Weltausstellung der Phantasie“ auf dem Olympiagelände zu gewinnen, da die Behörden die finanzielle Realisierbarkeit bezweifelten. 1983 begann er eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Stefan Seigner, der bis 2003 seine Geschäfte führte.

Bereits Ende der 1960er Jahre trat Heller als Financier des Films Moos auf den Steinen mit Erika Pluhar in einer der Hauptrollen auf, für den er nach eigenen Angaben sein Erbteil aufgebraucht habe. Bald stand er aber auch selbst vor der Kamera. Neben seinen Spektakeln spielte André Heller Hauptrollen in diversen internationalen Kinofilmen, unter anderem in Hans-Jürgen Syberbergs Hitler, ein Film aus Deutschland, Radu Gabreas Fürchte Dich nicht Jakob und Doktor Faustus von Johannes Schaaf, sowie in Peter Schamonis Frühlingssinfonie sowie eine Nebenrolle in Maximilian Schells 1979 herausgekommener Verfilmung der „Geschichten aus dem Wienerwald“ von Ödön von Horváth. Bereits 1969 hatte Heller in einer Fernsehfassung von Arthur Schnitzlers Tragikomödie Das weite Land unter der Regie von Peter Beauvais mitgewirkt: An der Seite von O. W. Fischer (als Friedrich Hofreiter), Ruth Leuwerik (Genia Hofreiter), Walter Reyer (Dr. Franz Mauer), Helmut Qualtinger (Bankier Natter) und anderen verkörperte er Gustav Wahl, den Bruder von Erna Wahl (Sabine Sinjen). 1989 war er auch als Briefmarkenkünstler tätig. Im Auftrag der Postverwaltung der Vereinten Nationen entwarf er die Briefmarke zum zehnjährigen Jubiläum der UNO-Wien.

Zuletzt war er als Kulturkoordinator für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland tätig. Er gestaltete im Jahr 2000 die Finalpräsentation für die erfolgreiche bundesdeutsche Bewerbung und entwarf 2003 einen „Fußball-Globus“, der als „architektonischer Vorbote der WM“ durch Deutschland tourte. In einem Urheberschafts-Streit um den Fußball-Globus warfen die Architekten Friedemann und Nikolai Kugel André Heller vor, die Idee kopiert zu haben. Unumstritten ist aber die Heller-Eigenerfindung des Fußball-WM-Mottos „Die Welt zu Gast bei Freunden“.

Die für die Fußballweltmeisterschaft von André Heller geplante Eröffnungsgala im Olympiastadion Berlin, an der auch Brian Eno und Peter Gabriel beteiligt waren, wurde am 13. Januar 2006 durch die FIFA abgesagt. Als Grund wurde genannt, daß der Rollrasen, der nach Ende der Gala neu verlegt hätte werden müssen, bis zum ersten dort stattfindenden Spiel (13. Juni 2006) möglicherweise nicht mehr in perfekter Qualität angewachsen wäre. Gerade wegen des Scheiterns bilanziert Heller dieses Projekt als „interessante Erfahrung“.

Grundsätzlich lässt sich André Heller – laut eigenen Angaben – nur auf Arbeiten ein, die ihn in seinem künstlerischen Lernhorizont weiterbringen. Selbst ein hypothetisches Angebot von 100 Millionen Dollar seien ihm nicht Grund genug, eine Sache umzusetzen, die für seine Entwicklung nicht sinnvoll sein würde. „Das ist zwar verlockend, weil mir einiges einfällt, was man an klugen und tiefen und spannenden Projekten mit 100 Millionen Dollar machen kann, aber letztlich darf ich nicht meine Zeit veruntreuen. Ich weiß doch nicht, ob ich nicht im nächsten Satz tot umfalle“, äußerte Heller in einem SWR-Interview.

Seit 2003 ist Robert Hofferer sein Manager und führt die Firma Artevent, mit Sitz in Wien.

André Heller war von 1970 bis 1984 mit der Schauspielerin, Sängerin und Autorin Erika Pluhar verheiratet. Einige Jahre lebte er in den 1970er-Jahren mit der Burgschauspielerin Gertraud Jesserer zusammen, viel später mit der Schauspielerin Andrea Eckert. Kurzzeitig liiert war Heller Mitte der 1980er-Jahre auch mit Anke Kesselaar, der damaligen Ehefrau Rudi Carrells.

Der Künstler besitzt eine Wohnung in einem prunkvollen Wiener Stadtpalais in der Renngasse im 1. Bezirk, das im Eigentum des Chorherrenstifts Klosterneuburg steht.

In der Renngasse empfing Heller im Jahr 2000 den damaligen Bundeskanzler der seit 1990 erloschenen Bundesrepublik Deutschland Gerhard Schröder.

Zeitweilig lebt Heller auch in der dem Giardino Botanico A. Hruska zugehörigen Villa in Gardone Riviera. Gegenwärtig lebt Heller mit dem früheren Model Albina Schmid zusammen. Er hat einen Sohn namens Ferdinand, der unter dem Künstlernamen „Left Boy“ Musik macht.

2008: Zeltstadt von Afrika! Afrika! auf dem Waterlooplatz in Hannover

Zeltstadt nachts

Giardino Botanico in Gardone Riviera

  • 1981 – Im Rahmen der Wiener Festwochen entsteht das poetische Varieté Flic Flac, mit dem er anschließend auf Europa-Tournee geht.
  • 1983 – Das Pyro-Poem Theater des Feuers (Teatro de Fogo) nach dem Vorbild barocker Licht- und Farbspiele findet in Lissabon statt. Heller finanziert das Spektakel aus eigener Tasche und gerät an den Rand des Bankrotts.
  • 1984 – Das Feuerspektakel Sturz durch Träume vor dem Berliner Reichstag zieht 650.000 zahlende Zuschauer an
  • 1984 – Feuertheater mit Klangwolke vor dem Reichstagsgebäude in Berlin
  • 1985 – Für die Bundesgartenschau in Berlin realisiert Heller ein Blumenbild aus 40.000 Pflanzen unter dem Titel Misstraue der Idylle.
  • 2. November 1985 – Die Show Begnadete Körper hat am Deutschen Theater München Premiere. Heller engagiert hierfür in chinesischen Artistenschulen 60 Jongleure, Equilibristen und Akrobaten, entwirft Bühnenbild und Kostüme und verfasst die Moderation.
  • 1986 – In Graz entsteht ein Dichtergarten: Aus Blumen formt Heller Kernsätze bedeutender Schriftsteller.
  • 1986 – Die Heißluftballon-Skulpturen Himmelszeichen schweben am Himmel von London, München, Venedig, Oslo, New York, Moskau, San Francisco und über den Niagarafällen.
  • 1986 – Mit der Show Salut für Olga bemüht sich Heller um eine Wiederbelebung der Varieté-Künste
  • 1987 – In Hamburg inszeniert Heller Luna Luna, einen „Jahrmarkt der modernen Kunst“. Zahlreiche bekannte zeitgenössische Künstler, darunter unter anderem Roy Lichtenstein, Salvador Dalí, Joseph Beuys, Friedensreich Hundertwasser und Jim Whiting steuern neben Heller selbst Kunstwerke und Installationen bei.
  • 1987 – Clownparade Lachen machen
  • 1988 – Body and Soul, eine Show des schwarzen amerikanischen Kulturguts (Spirituals, New Orleans Jazz, Ragtime, Bebop, Sandshoe, Blues, Soul, Scat, Stepptanz)
  • 1988 – Erwerb des in Gardone Riviera gelegenen, ca. 10.000 m² großen botanischen Gartens Giardino Botanico A. Hruska.[6]
  • 1989 – Chinesischer Nationalzirkus
  • 1991 – Jagmandir, das exzentrische Privattheater des Maharana von Udaipur, Indien.
  • 1991 – Blumenskulptur mit Brunnen Versinkende Riesin im Schlosspark von Schönbrunn, Wien.
  • 1991 – Wonderhouse am Broadway in New York
  • 1992 – Bambusmann, eine 55 Meter hohe, schwimmende Skulptur im Hafen von Hongkong
  • 1992 – Mit dem Wintergarten-Varieté eröffnet Heller gemeinsam mit Bernhard Paul den Theaterbau in Berlin.
  • 1995 – Heller gestaltet die Swarovski Kristallwelten in Wattens, Tirol
  • 1996 – Produktdesign: für die 20. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie Entwurf der Buchdeckel mit mehreren eingelassenen, kleinen Acrylschaukästen, die von außen sichtbare Objekte enthalten, welche jeweils ein Stichwort des betreffenden Bandes verkörpern (auch: Millenniumsausgabe).
  • 1997 – Schiff aus Salz im Toten Meer in Israel.
  • 1997 – Der stumme Prophet, eine Lichtskulptur in Aït-Ben-Haddou, Marokko.
  • 1997 – Yumé – Flug durch Träume: ein japanisches Kaleidoskop, Tokyo und Europatournee
  • 1998 – der Meteorit in Essen, der auf fünf Ebenen „Wunderkabinette zum Thema Energie“ präsentiert, wird eine der wenigen erfolglosen Inszenierungen Hellers
  • 1998 – Planung einer Parkanlage anima auf einem ehemaligen Krupp-Gelände in Bochum – nicht realisiert
  • 1999 – Stimmen Gottes, ein Ereignis mit spirituellen Sängern, Musikern und Tänzern aus zwölf Kulturen, Marrakesch in Marokko
  • 2000 – Der Erdgeist, eine 14 Meter hohe Skulptur, halb Mensch, halb Vogel, wacht über den Pavillon „Living Planet Square“ des World Wide Fund for Nature bei der Expo 2000.
  • 2002 – Im Herzen des Lichts – Die Nacht der Primadonnen erzählt einen von Heller erdachten und inszenierten Mythos.
  • 2002 – Am Théâtre du Châtelet in Paris wird unter Hellers Regie Erwartung von Arnold Schönberg und La Voix Humaine aufgeführt. Die Monolog-Opern singt Jessye Norman.
  • 2003 – Fußball-Globus für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland (inkl. dem WM-Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“). Um das Objekt gibt es einen Urheberschafts-Streit.[7]
  • 2004 – Jessye Norman eine Dokumentation von André Heller und Othmar Schmiderer
  • 2005 – Afrika! Afrika! eine Show mit der Premiere in Frankfurt am Main 15. Dezember 2005, weitere Stationen: Hannover Februar/März 2008
  • 2011 – Magnifico eine traumhafte Show, zeigt ein Kaleidoskop an märchenhaften Szenen rund um das Motiv Pferd.

Werke (Auswahl)

Schriften

  • Sie nennen mich den Messerwerfer (Fischer TBV 1974)
  • Die Ernte der Schlaflosigkeit in Wien – Bildband (Goldmann 1975)
  • Auf und davon (Hoffmann und Campe 1979)
  • Die Sprache der Salamander – Lieder 1971–1981 (Hoffmann und Campe 1981)
  • Flic Flac – Ein poetisches Varieté fotografiert von Stefan Moses – Bildband (Ullstein 1982)
  • Wallfahrten zum Allerheiligsten der Phantasie (Henschelverlag 1990)
  • Schlamassel (S. Fischer 1993)
  • Brockhaus-Enzyklopädie 2000 – Gestaltung der 24-bändigen Luxusedition (1998)
  • Bilderleben – Öffentliches & Privates – Bildband (dtv 2000)
  • Als ich ein Hund war (Berlin Verlag 2001)
  • Schattentaucher (dtv 2003)
  • Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Eine Erzählung, Kindheitserzählung in Anlehnung an seine Jugend im Jesuiteninternat (S. Fischer 2008)

Diskographi

  • Die frühen Jahre 1966–1969
  • Nr. 1 (1970)
  • Platte (1971)
  • Das war André Heller (1972)
  • Neue Lieder (1973)
  • A Musi A Musi (1974)
  • Bei lebendigem Leib (live, 1975)
  • Abendland (1976)
  • Basta (1978)
  • Bitter und Süß (1978)
  • Ausgerechnet Heller (1979)
  • Heurige und gestrige Lieder (gemeinsam mit Helmut Qualtinger, 1979)
  • Verwunschen (1980)
  • Stimmenhören (1983)
  • Narrenlieder (1985)
  • Liebeslieder (1989)
  • Kritische Gesamtausgabe 1967–1991 (1991)
  • Ruf und Echo (2003)
  • Bestheller 1967–2007 (2008)

Auszeichnungen

Einzelnachweise

  1. Jack Grunsky Edition
  2. André Heller – Verwunschen (Album)
  3. André Heller – Stimmenhören (Album)
  4. http://oe1.orf.at/highlights/103727.html Laudatio von Alfred Gusenbauer für André Heller
  5. http://burgenkunde.at/wien/w_palais_windischgraetz/w_palais_windischgraetz.htm
  6. http://www.hellergarden.com/link_01_de.html
  7. Urheberschafts-Streit
  8. Fernsehbericht auf 3 sat

Weblinks

 Commons: André Heller – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Artikel

Interviews

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Franz André Heller (born March 22, 1947) is an Austrian artist, author, singer and actor.

Heller was born in Vienna into a wealthy Jewish family of sweets manufacturers („Gustav & Wilhelm Heller“). His almost daily visits to the Café Hawelka were in his opinion a key element in the development of his literary orientation. It was in this coffeehouse that he met many men of letters including Friedrich Torberg, H. C. Artmann und occasionally Elias Canetti as well as Hans Weigel and Helmut Qualtinger, with whom he later on collaborated and performed. He took acting classes from Hans Weigel and his cohabitee Elfriede Ott.

Heller has been writing prose, poetry, and songs since 1964. He left school shortly before obtaining the Matura, (he went to a Jesuit boarding school). From 1965 to 1967 he was a moderately successful actor at various Viennese avant-garde theatres. In 1967 Heller co-founded Hitradio Ö3, the ORF’s then progressive pop music station, where he was one of the hosts of the daily Musicbox programme. Jointly with Bernhard Paul, Heller also co-founded the well-known Circus Roncalli in 1976.

From 1976 until 1981, André Heller played major roles in various international movies, this included roles in Hans-Jürgen Syberberg’s Hitler: A Film from Germany, Radu Gabrea’s Fürchte Dich nicht, Jakob and Doktor Faustus by Johannes Schaaf.

In 1986 Heller coordinated the creation of Luna Luna in Hamburg, a traveling combination of a contemporary art park and a “child’s dream” of an amusement park. Heller invited famous artists of different generations to participate. Salvador Dali, Jean Tinguely, Jim Whiting and Roy Lichtenstein created special installations. Younger Americans Jean-Michel Basquiat, Keith Haring, and Kenny Scharf, along with several German neo-expressionist painters decorated children’s rides.

Heller has received numerous international awards. He has to date written 14 printed publications, among them collections of stories Die Ernte der Schlaflosigkeit in Wien, Auf und Davon, Schlamassel, Als ich ein Hund war, the novel Schattentaucher, the collection of poems Sitzt ana und glaubt, er is zwa (together with Helmut Qualtinger), as well as two picture books Jagmandir – Traum und Wirklichkeit and Die Zaubergärten des André Heller. 21 TV documentaries have been produced about Heller’s projects, productions and plans. These were done by the likes of Werner Herzog, H.J. Syberberg, and Elsa Klensch, among others.

Heller was appointed artistic director of the artistic and cultural programme which ran parallel to the 2006 FIFA World Cup in Germany. His company Artevent was also responsible for the successful Presentation of the Germany bid for the FIFA 2006 World Cup project. Between 1968 and 1983 Heller recorded 15 albums as singer of his own texts and in part of his own compositions. He was on the road with 9 international concert tours, and was the host and entertainer in 12 evening-filling TV shows.

Lately, in 2006—thanks to the initiative of Chris Gelbmann—he released his last album called Ruf und Echo. The 3 CD compendium is the first release in the past 20 years, containing new songs and interpretations of old hits by artists like Brian Eno, Xavier Naidoo, Thomas D. The Walkabouts.

André Heller lives in Vienna and in Gardone Riviera, Lombardy, and travels the world. [

[edit] Selected events and projects

  • KING-KONG-KING-MAYER-MAYER-LING — ein Stück Theater, Opening premiere of the Vienna Festival, Austria
  • MENSCHEN AM ZENTRAL, Documentary about life at Vienna’s Central Cemetery
  • FLIC FLAC, a poetic variety show, tour through Europe
  • TEATRO DE FOGO, in Lisbon, Portugal
  • FEUERTHEATER, in front of the Berlin Reichstag, Germany
  • MISSTRAUE DER IDYLLE, Floral picture for the International Garden Show at Berlin, Germany
  • BEGNADETE KÖRPER, Great masters of the acrobatics schools in Anhui and Beijing, tour through Europe. Heller was the first non-Chinese artist to be allowed to work with Chinese master acrobats and to present their refined skills to the West.
  • SALUT FÜR OLGA, a homage to the last masters of the dying art of variety shows, tour through Europe
  • FLYING SCULPTURES, above 20 cities in Europe, 32 cities in America, and 7 cities in Asia
  • LUNA LUNA, a poetic amusement park and a traveling territory of contemporary art
  • LACHEN MACHEN, a clown parade, tour through Europe
  • GIARDINO BOTANICO, Fondazione André Heller in Gardone Riviera, Italy
  • BODY AND SOUL, a stage show with musicians, singers, dancers, and grotesque comedy artists from Harlem, Mubale, and New Orleans. New York and tour through Europe.
  • WINTERGARTEN VARIETÉ, Tour through Europe
  • CHINESE NATIONAL CIRCUS, World tour
  • JAGMANDIR, The eccentric private theater of the Maharana of Udaipur, India
  • SINKING GIANT, Floral sculpture with fountain in the park of Schoenbrunn Palace, Vienna, Austria
  • WONDERHOUSE, on Broadway, New York, USA
  • BAMBOO MAN, a 55-meter tall floating sculpture in Hong Kong harbor
  • WINTERGARTEN VARIETÉ, Together with Bernhard Paul, inauguration of the theatre-building in Berlin, Germany
  • SEIN UND SCHEIN, at the Vienna Burgtheater, Austria
  • MAGNETEN, Charismatic Roma and Sinti masters of the world-embracing gypsy culture, tour through Europe
  • SWAROVSKI CRYSTAL WORLDS, Landscape as well as a series of subterranean wonder chambers for Swarovski, in Wattens, Tyrol, Austria
  • BOAT OF SALT, on the Dead Sea in Israel
  • THE MUTE PROPHET, Light sculpture, Ait Ben Haddou in Morocco
  • YUMÉ — flight through dreams, a Japanese kaleidoscope, Tokyo and tour through Europe
  • METEORIT, a place of amazement, wonder chambers on the Energy theme for the Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk, Essen, Germany
  • BROCKHAUS 2000, Design of the 24-volume deluxe edition of this encyclopedia
  • VOICES OF GOD, an event with spiritual singers, musicians, and dancers from 12 cultures, Marrakech, Morocco
  • EARTH SPIRIT, Design of the WWF Pavilion for the EXPO 2000, Hanover, Germany
  • WORLD CUP BIDDING, Production of the successful final bid of the German Football Association for the World Cup 2006, Zurich, Switzerland
  • BLIND SPOT, Dokumentary about Hitler’s Secretary, Audience award Berlinale Filmfestival 2002, Germany
  • IN THE HEART OF LIGHT — NIGHT OF THE PRIMA DONNAS, A poetic documentation of a myth conceived and produced by André Heller and adapted for the screen by Pepe Danquart
  • FOREBODING/LA VOIX HUMAINE, The „Théâtre du Châtelet“ in Paris was the venue for the staging of „Anticipation / La Voix Humaine“, a cooperation between André Heller and Jessye Norman in October 2002.
  • JESSYE NORMAN‘, a movie by André Heller and Othmar Schmiderer
  • FOOTBALL-GLOBE, the architectural herald to the 2006 FIFA World Cup in Germany; one tour in Germany, one tour internationally (Tokyo, Paris, Milan, Zurich)
  • AFRIKA! AFRIKA!, African music, dance and acrobat show (performing 2005 – at least 2009)
  • MAGNIFICO, Horse Show (since Feb 2011)

[edit] Awards

[edit] See also

[edit] External links

in einem sehr beeindruckenden Interview:

Ohrfeigen und Karzer
Der opiumsüchtige Vater wollte unbedingt einen Kardinal aus ihm machen, die Mutter versuchte dauernd, sich das Leben zu nehmen – André Heller schildert in seinem neuen Buch und im Gespräch mit VANITY FAIR eine Kindheit zwischen Wiener Großbourgeoisie und katholischer Glaubenskaserne
Eine traumschöne Villa am Gardasee. André Heller hat Besuch von seiner 94-jährigen Mutter, die gerade eine Stunde im See schwimmen war. In seiner neuen Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ spielt die Dame eine Hauptrolle. Wann immer Heller in den folgenden Stunden sein Gedächtnis verlässt, ruft er durchs Haus: „Mama, wie war das noch?
VANITY FAIR:
Herr Heller, als Sie sechs Jahre alt waren, schickten Ihre Eltern Sie in ein Knabenkonvikt in der Schweiz. Warum?

A.H:
Mein Vater war davon besessen, mir den Katholizismus einzubrennen, und konnte mit seinen Domestizierungsmaßnahmen nicht früh genug beginnen. Er wollte aus mir unbedingt einen Kardinal oder mindestens einen Bischof machen. Deshalb schickte er mich in diese Glaubenskaserne, die eine Art Kinderausgabe der heiligen Inquisition war.
VF:
In einem Ihrer zahllosen Verzweiflungsbriefe schrieben Sie: „Meine geliebte Mami, ich weine Tag und Nacht.“

A.H:
Meiner Mutter imponierte das leider nicht im Geringsten. Bekäme ich so einen Brief von meinem Sohn, würde ich ihn sofort mit einem Rettungshubschrauber ausfliegen. Ich habe mich dann im Internat in ein Fantasieuniversum geflüchtet und bizarre Länder erfunden, für die ich Nationalhymnen, Briefmarken und Flaggen gestaltete. Eine meiner imaginären Reisen war, als erster Mensch in das Innere eines Vulkans hinabzusteigen und in der glühenden Lava nach Feuerfischen zu suchen. Solche Traumexile waren mein seelischer Luftschutzkeller in einer Welt, in der Eigensinn und Sinnlichkeit wie Todsünden behandelt wurden.
VF:
Ihre Lehrer hielten Sie für nicht erziehbar. In wie vielen Internaten waren Sie?

A.H:
In dreien. Am schlimmsten war das Privatgymnasium für hoffnungslose Fälle in der Nachkriegs-Nazi-Enklave Bad Aussee, wo ich mit 16 einrücken musste. Im Ort gab es eine schlagende Mittelschulverbindung und beim Tag der deutschen Burschenschaften wurde gegrölt: „Die Gaskammern waren zu klein, wir bauen größere, da kommt ihr alle hinein.“ Unser Direktor war ein ehemaliger SS-Obersturmbannführer. Am ersten Schultag führte er mich in die Klasse und sagte: „Da ist ein Neuer. Setzt euch nicht neben ihn, denn in seinen Adern fließt böses Blut.“ Diese zwei Sätze haben mich innerhalb von zehn Sekunden politisiert.
VF:
Wie haben die elf Internatsjahre Ihre Sexualität geprägt?

A.H:
Ich bin in einer unglaublichen Körperfeindlichkeit aufgewachsen. Wir bekamen beruhigende Brom-Chemikalien in den Frühstückskakao, damit hoffte man, die Geschlechtslust herabzusenken. Es schliefen 80 Buben in einem Saal, in der Mitte gab es einen Eisenofen, der im Winter zu glühen begann. Viele Buben haben sich ein Vergnügen draus gemacht, auf den glühenden Ofen zu onanieren. Das hat gezischt und gestunken. Mein entscheidendstes Gefühl war, dass mir da alles maßlos unappetitlich war. Bei uns zu Hause hat man mich zwar eher mit Zynismus statt Liebe versorgt, aber es war eine appetitliche, wohlriechende Welt mit Blumenbouquets, schönen Möbeln, geschliffenen Gläsern und Brahmsliedern. Meine Mitschüler hatten bald heraus, dass es mich schnell grauste. Wenn es mal Fleisch gab, hat sofort einer auf meinen Teller gespuckt, weil er wusste, ich esse dann nichts mehr. Dann hat der sich über mein Fleisch hergemacht.

VF:
Welche Strafen gab es?

A.H:
Schlechte schulische Leistungen wurden mit Essensentzug bestraft, und von Ohrfeigen bis Karzer gab’s selbstverständlich alles. Aber für mich waren bestimmte Bestrafungen Abwechslungen. Geschlagen wurde ich nicht gern, das fand ich indiskutabel. Aber allein in einen Raum eingesperrt werden, war für mich absolut erstrebenswert. Oder eine Woche ausgeschlossen werden vom Sport: Ein schöneres Geschenk konnte man mir überhaupt nicht machen. Dafür hätte ich sogar bezahlt.
VF:
Ihr Vater, den Sie als „Herrenmenschlein“ und „seelischen Knochenbrecher“ beschreiben, war Mitinhaber eines weltumspannenden Süßwarenimperiums. Stimmt es, dass Sie sich bis heute vor Süßwaren ekeln?

A.H:
Ja. Inzwischen schaffe ich es aber immerhin, zweimal im Jahr ein Mousse au Chocolat zu essen.
VF:
Ihr Vater – Kommerzialrat, Ritter der französischen Ehrenlegion und Großritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem – war ein Jude, der zum Katholizismus konvertierte und im Ersten Weltkrieg als K.-u.-k.-Offizier kämpfte. Als die Deutschen 1938 in Wien einmarschierten, musste er mit einer Zahnbürste Gehsteige säubern, anschließend wurde er von einem antisemitischen Mob misshandelt. War es dieses Trauma, das ihn deformiert hat?

A.H:
Das weiß ich nicht genau, weil er sich immer weigerte, darüber zu sprechen. Vielleicht konnte er sich nicht verzeihen, dass er den Holocaust überlebt hat.
VF:
Woher rührte sein katholischer Missionierungswille?

A.H:
Hitler gab ihm zu verstehen: Ätsch, du kannst katholisch sein, so viel du dir einredest, Jud’ bleibt Jud’, und Dreck bleibt Dreck. Plötzlich wurde er wieder zur jüdischen Welt gezählt, gegen die er sich innerlich und äußerlich entschieden hatte. Als er später nach London flüchtete und als Verbindungsoffizier der französischen Exilregierung fungierte, muss er sich geschworen haben: Jetzt werde ich bedingungslos erzkatholisch! Er hat dann sehr merkwürdige Dinge getan und wurde Krankenträger in Lourdes, so hobbymäßig drei Wochen im Jahr. Wie Erzherzoginnen in den Lazaretten als Krankenschwestern gerbeitet haben, ist er als Großindustrieller dienend nach Lourdes gepilgert.
VF:
Stimmt es, dass Sie seinen Judenstern aufbewahren?

A.H:
Ja. Das Stoffstück liegt in einer Vitrine meines Wiener Palais.
VF:
Sie attestieren Ihrem Vater „exzentrischen Sadismus“. Weshalb?

A.H:
Ein Beispiel von vielen: Als mein Bruder eine Briefmarke vermisste, sperrte mein Vater mich eine Nacht lang ins eiskalte Badezimmer. Am nächsten Morgen ließ er mich schwören, dass ich die Briefmarke nicht gestohlen habe, und befahl, über meinem Kinderbett ein Schild anzubringen mit der Aufschrift „Wer falsch schwört, dem wächst die Hand aus dem Grab“. Unter dieser Drohkulisse musste ich jeden Abend einschlafen.

VF:
Seit seiner Flucht aus Wien war Ihr Vater opiumsüchtig.

A.H:
Er träufelte aus einem grünen Fläschchen häufig große Mengen opiumhaltiger Tropfen auf seine Zunge. Er sagte dann so Exzentrisches wie: „Erzengel Michael, lässt dir etwas ausrichten…“ Oder er schenkte mir zu Weihnachten ein Ausstattungsbuch für höhere Geistliche mit Abbildungen von Messgewändern und Monstranzen, also quasi ein Otto-Katalog für Kardinäle. Wenn Gäste kamen, musste ich vor dem Hausaltar auf Lateinisch Messen lesen wie andere Kinder mit Klavierspiel auftrumpfen. Dann sagte Vater: „Mein Sohn wird uns jetzt den Segen erteilen.“ Das Positive war, dass ich anschließend Geld für die armen Heidenkinder einsammeln durfte. Davon habe ich mir heimlich „Tarzan“-Hefte gekauft.
VF:
Ihr Vater überschminkte die Krampfadern an seinen Beinen mit Deckweiß.

A.H:
Das war seine kosmetische Marotte. Die stärkste Präsenz meines Vaters in meinem heutigen Leben ist tatsächlich, wenn ich beim Malen Deckweiß verwende.
VF:
Ihre Mutter versuchte, sich „mit der spannungslosen Regelmäßigkeit von Monatsblutungen“ das Leben zu nehmen, schrieben Sie einmal.

A.H:
Wegen Mutters angeblichen Liebhabern gab es Schreiduelle und fortgesetzte Tragödien. Einmal versuchte sie sich in ihrer Ratlosigkeit mit einem Dirndl bekleidet im Wolfgangsee zu ertränken. Mein Vater war durchaus dafür, aber mein Bruder hat sie dann doch gerettet.
VF:
Was sagt Ihre Mutter heute über den Knaben Heller?

A.H:
Neulich meinte sie zu mir: „Deine Kindheit war doch gar nicht so schrecklich. Ich hab dich sehr wohl auch lachen gesehen.“ Sie ist eine exzellente Verdrängerin. So wird man offenbar in aller Frische 94 Jahre alt und bleibt schön.
VF:
Als Ihr Vater 1958 an einem Blutgerinnsel „in der Größe eines zweikarätigen Diamanten“ starb, hinterließ er Ihnen unter anderem 63 Maßanzüge und elektrische Handschuhstrecker. Gibt es ein seelisches Erbe, das Sie bis heute mit sich herumtragen?

A.H:
Es geht massiv gegen meine heutige Überzeugung, sich ein Leben lang auf die eigene Kindheit herauszureden. Es ist doch bitteschön unerträglich: Wo man hinkommt, haben die Leute Ausreden und Schuldige für ihr vermeintlich missglücktes Leben. Die Eltern, die Partner, die Religionen müssen dafür herhalten, und man selbst ist eben hauptamtlich Opfer.
VF:
Sie behaupten, dass „wirkliche Kreativität aus der Ermutigung erwächst, die durch Liebe und Glücklichsein übertragen wird“. Beweist Ihr Werdegang nicht die Gegenthese, dass das wertvollste Kapital eines Künstlers eine unglückliche Kindheit ist?

A.H:
Uns wurde in 2000 Jahren jüdisch-christlicher Tradition auf tragische Weise gepredigt, dass schöpferische Begabung durch das Nadelöhr von Not und Qualen muss. Ich behaupte, dass diese Zeiten vorbei sind. Das Regiertwerden von diesem Orang-Utan der Angst habe ich vor längerer Zeit einigermaßen effektiv beendet. Seit ich Macht nicht mehr abgebe an Kritiker, Beziehungen und Eitelkeiten, bin ich auf einen besseren Grundton gestimmt, und es gibt immer häufiger so etwas wie ein frohes Herz vom Aufstehen bis zum Einschlafen. Man erwirbt auch eine ganz andere Beziehung zu seinem Körper, weil nicht alles, was wehtut, sofort Untergangsängste hervorruft. Mich mit mir selbst zu befreunden war ein wesentlicher Fortschritt, denn man muss sich ja erst einmal in eine Person verwandeln, die man achten und lieben kann. Ich musste immer wieder eine Niedertracht, eine Armseligkeit, einen Mangel an Selbstwertgefühl oder eine Selbstsabotage durch etwas anhaltend Qualitätvolles und Ermutigendes ersetzen. Das waren die schwierigsten Zeiten meines Lebens. Ich wusste: Okay, jetzt hast du mindestens zehn Jahre vor dir, wo du nur damit beschäftigt bist, Scheiße in Gold zu verwandeln, und es gibt keine Garantie, dass am Ende der Lohn der Selbstliebe winkt.
VF:
Ohne eine Ausbildung gemacht zu haben, bekamen Sie 1968 eine tägliche Radiosendung, in der Sie eine Stunde lang nur über ein Thema redeten: sich selbst.

A.H:
Das war das Einzige, was ich fundiert konnte. Ich hab ja mit 20 nicht viel mehr draufgehabt außer meinen Kopfabenteuern und den jeweiligen Geschichten aus der letzten Nacht. Wenn im Wiener Café Hawelka der Bildhauer Walter Pichler mit dem Zeichner Kurt Moldovan darüber stritt, ob man Schuhe besser mit Spucke oder mit Vogelscheiße putzt, habe ich das am nächsten Tag im Radio erzählt.
VF:
Als Ihre Sendung immer erfolgreicher wurde, hatten Sie Gäste wie John Lennon, Frank Zappa, Brian Jones und Peter Handke.

A.H:
Mein Vater war der Ansicht, dass in den Adern wahrhaft schöner Frauen nicht Blut, sondern Dillsoße fließt. Das fand Peter Handke diskutierenswert. Als Brian Jones mit Anita Pallenberg meine Sendung besuchte, war ich etwas aus der Bahn geworfen, denn sie war die erste Person, bei der ich eine Klarsichtbluse mit nichts drunter zu sehen bekam. Brian Jones sagte, er habe einen Song dabei, den er gerade in London produziert habe, ob er den spielen dürfe. Als wir auf den Knopf drückten, ertönte die Welturaufführung von „With A Little Help From My Friends“ von Joe Cocker.
VF:
Mit Jimi Hendrix haben Sie im Prater Palatschinken gegessen und auf Papierrosen geschossen; mit John Lennon standen Sie am Grab von Mozart. Beide Male hatten Sie das Gefühl: „Was die können, kann ich demnächst auch.“

A.H:
Mein anmaßendes Lebensgefühl war: Mir traut niemand etwas zu, also traue ich mir alles zu. Ich war 21, und die beiden waren nicht viel älter. Den Starbegriff von heute gab es nicht. Die sind Economy geflogen und kamen ohne Leibwächter und PR-Parasiten ins Studio. Lennon hat dann im Café Sacher ein Bag-in veranstaltet. Er breitete ein Leintuch über sich und Yoko Ono und gab unsichtbar den angereisten Weltmedien ein Interview über Krieg und Frieden. Ich stand als Verbündeter im Ledermantel daneben und rauchte blasiert ein Zigarillo.

VF:
1969 wurden Sie zu einem Pionier des Hoaxing-Interviews.

A.H:
Ich habe mich mit einem Mikrofon auf die Straße gestellt und Passanten Sachen gefragt wie: „Die Wiener Staatsoper soll in ein Schwimmbad verwandelt werden. Was sagen Sie dazu?“ – „Das Sozialministerium hat beschlossen, dass jeder Pensionist ab 70 statt einer Erhöhung der Rente einen Wellensittich bekommt. Eine gute Entscheidung?“ – „Der Stephansdom soll wegen der Flugsicherheit gelb gestrichen werden. Sind Sie dafür?“ – „In der Hofreitschule sollen jetzt Haflinger verwendet werden, weil die Lipizzaner am Aussterben sind. Gut so?“
VF:
Den Heller dieser Jahre beschreiben Sie als bösartigen „Handgranaten-Jongleur“.

A.H:
Ich habe ununterbrochen aufs Witzigste Menschen beleidigt, weil das von vielen so akklamiert wurde. Dabei war ich natürlich angefüllt mit Komplexen, Unsicherheit und Wut. Die nächste hybride Herausforderung war, den größten und begehrenswertesten weiblichen Superstar des Landes zu erobern: Erika Pluhar. Sie war acht Jahre älter als ich – und dann hat mich diese schwierige Schönheit tatsächlich eines Mittags geheiratet! Ich dachte: Anything goes – und dann habe ich eine schwere Gelbsucht bekommen. Das war die erste große Zäsur in meinem Erwachsenenleben. Ich war ein Dreivierteljahr im Spital. Von da an habe ich mich nicht mehr für einen radikalen Überflieger gehalten, sondern gemerkt, dass man sich in bestimmten Zeiten auch kriechend am Boden bewegt.
VF:
Wie haben Sie sich die Gelbsucht zugezogen?

A.H:
Auf der Hochzeitsreise mit der Pluhar in Venedig habe ich etwas gegessen, was so heißt wie das, was man dann kriegt: Zuppa di Cozze. Ich redete mir ein, einen verdorbenen Magen zu haben, und habe den 14 Tage lang mit schweren Schnäpsen niedergesoffen. Als ich auf der Straße zusammenbrach, war das ein paar Wochen lang ein Ringen auf Leben und Tod. Meine Großmutter war sich so sicher, dass ich sterben würde, dass sie mir an meinem Krankenbett ins Ohr flüsternd ihre große Lebensbeichte ablegte und alles erzählte, was sie bis dahin für unaussprechlich hielt.
VF:
Wie ungesund lebten Sie damals?

A.H:
Vom Ursprung her bin ich ein jüdischer Kaffeehausmensch. Ich bin früher nur ins Freie gegangen, wenn ich eine Sauerstoffflasche mit rauchiger Kaffeehausluft dabei hatte. Ich habe zumeist in der Nacht gelebt und allzu viel Alkohol getrunken. In meiner Popstarzeit habe ich auch Drogen genommen. Ohne sie hätte ich gar nicht auftreten können, weil ich selten Lust hatte, auf einer Bühne vor Tausenden Menschen zu strahlen.
VF:
Über Ihre Frauenbeziehungen sagen Sie: „Ich habe im Grunde überliebt.“ Was heißt das?

A.H:
Mich hat gerettet, dass ich mich mein Leben lang von einer interessanten und wach machenden Beziehung zur nächsten gehangelt habe.

VF:
Sind Sie in der Liebe klüger geworden?

A.H:
Ich habe jahrzehntelang behauptet, zu lieben, aber ich wusste gar nicht, was das im Kern bedeutet. Meine zentrale Not war, dass ich mich selbst nicht lieben konnte und deshalb die Liebe anderer nicht annehmen konnte. Ich dachte immer: Wenn die so blind sind, nicht zu durchschauen, was ich für eine Null bin, dann sind die auch nicht liebenswert. Diese Selbstmissachtung war sehr beständig. Vor 20 Jahren ist dann mit meinem Sohn ein großer Lehrer in mein Leben getreten. Er hat mir etwas beigebracht, was ich vorher nicht für möglich hielt: bedingungslos lieben und dem anderen das Beste wünschen, auch wenn es nicht das sein sollte, was man selber für ihn will. Wir wollen uns ja tragischerweise zumeist den anderen nach unserer Fasson zurechtschnitzen. Da ähneln wir diesen armseligen Reisenden, die von New York nach Benares fahren und dann enttäuscht sind, wenn sie dort nicht das gleiche Essen kriegen wie in New York.
VF:
War die Vaterschaft des Ich-Menschen Heller gewollt?

A.H:
Nein. Wäre es nach meiner Dummheit gegangen, hätte ich das Kind noch in der Nacht vor der Geburt verhindert. In der Sekunde, wo Ferdinand da war, hat sich das wundersam ins völlige Gegenteil verkehrt.
VF:
In Ihrem Roman „Schattentaucher“ heißt es über den Helden: „Er erklärte zwar oft seinen Freundinnen, dass er unmöglich für eine allein geschaffen sei, war aber nicht imstande, eine einzige freizugeben, auch wenn er ihr schon lange überdrüssig war. Seine Haltung Frauen gegenüber war durch eine dämonische Art seelischen Kolonialdenkens gekennzeichnet.“ Ein Selbstporträt?

A.H:
Ja, als 30-Jähriger. Dieses seelische Kolonialdenken wird man nur los, indem man Nähe zulässt und sich dem Wunder hingibt, das unter Umständen der andere bedeutet. Es ist ja vollkommen sinnlos, zu den Niagara-Fällen zu reisen, wenn man sie dann ohne Wahrnehmungswollust anschaut. Da kann ich ja gleich zu Hause bleiben und in die Wasserleitung starren. Wenn ich in den Augen des anderen immer nur mich sehe, komme ich nie woanders hin als zu mir. Es gibt Leute, die Dissertationen über Marcel Proust schreiben, aber nach 35 Jahren nicht wissen, welche Augenfarbe ihre Partnerin hat. Ich finde es verständlich, dass Frauen in solchen Fällen ausrasten.
VF:
Es fällt auf, dass Sie viermal mit Schauspielerinnen liiert waren.

A.H:
Ich bin vermutlich eine sehr präsente, raumverdrängende Figur. Da war es anfänglich in der Egomanie und Selbstvernebelung gar nicht so leicht, dass mir jemand anderer auffiel. Schauspielerinnen richten oft engagiert den Scheinwerfer auf sich selbst. Vielleicht habe ich sie dadurch eher bemerkt.
VF:
Ihre heutige Freundin Albina Schmid ist ein früheres Model, das sich inzwischen als Künstlerin betätigt, heißt es.

A.H:

Ihre Berufung ist, eine sensationell gute Energie zu sein. Albina heißt die Lichte, die Reine. Wenn sie ein Zimmer betritt, ist es für jeden ein Glück, und alles, was man neben ihr beim Aufwachen denkt, ist: Danke! Sie kommt aus ganz einfachen Verhältnissen und hat dann sehr jung einen wohlhabenden Mann geheiratet. Als ich ein Zauberwesen für einen Musikfilm suchte, sagte sie mir am Telefon: „Sie erwischen mich an einem merkwürdigen Tag. Ich habe mich vor zwei Stunden scheiden lassen.“ So haben wir uns vor sieben Jahren kennengelernt.

VF:
Über die Memoiren von Curd Jürgens schrieben Sie 1976 im „Spiegel“: „Jürgens sieht und empfindet Frauen als öffentliche Bedürfnisanstalt für seine erotische und seelische Notdurft. Eine seiner Hauptlieben hat mir gesagt: ‚Alles an diesem Mann ist banal, selbst im Bett ist er noch ein Gemeinplatz.‘“

A.H:
Das war von mir eine niederträchtige Tat, uferlos verletzend und vollkommen unentschuldbar. Ich war Ende der 70er-Jahre ganz und gar verstört, und mir ging’s aufgrund meiner freiwilligen Gefangenschaft im Negativen schlechter und schlechter. Auf dem Höhepunkt hat sich dann noch meine Freundin von einem Hochhaus in Wien zu Tode gestürzt.
VF:
Haben Sie heute noch „Hass-Erektionen“?

A.H:
Gelegentlich dunkle Tendenzen versuche ich, in Selbstironie zu verwandeln. Es ist wahrlich kein esoterisches Gebrumme zu sagen: Ab einem bestimmten Lernstadium bestimmt unser Bewusstsein das Sein, und genau die Art Energie, die man aussendet, erhält man zurück.
VF:
Ihr Botanischer Garten am Gardasee wird von Besuchern schon mal mit leeren Bierflaschen verschandelt. Kriegen Sie da nicht Totschlagswut?

A.H:
Die krieg ich für Augenblicke, wenn Besucher ihre Namen in die prachtvollen Bambusstämme einritzen: „Jimmy und Doro waren hier.“ Aber dann sage ich zu mir: Komm her, Bub. Ich halt dir den Kopf bei Rückfällen in alte Muster. Vor vier Jahren habe ich mit Albina einen absurden Streit gehabt, weil sie nicht wusste, wie das Navigationssystem ihres Autos funktioniert. Ich bin auf der Autobahn aus dem Wagen gesprungen und wie ein fünfjähriger Vollidiot querfeldein gestampft. Es regnete gewittermäßig, und ich war bis auf die Unterhose durchnässt. Nach zehn Minuten habe ich einen Lachkrampf gekriegt: Schau dich an, jetzt sind wir schon 57, und du stehst hier lächerlich bis zum Äußersten, und deine Liebste sitzt wahrscheinlich weinend in einem Autobahnrestaurant. Wir haben dann eine Regelung ausgemacht. Wenn wieder ein absurder Konflikt aufkommen sollte, fragt sie mich: „Willst du wieder im Regen stehen?“ Das funktioniert. Glauben Sie mir: Man kann nachhaltig aus sich einen gelungeneren Menschen machen.
Quelle:Sven Michaelsen / VANITY FAIR – 11. September 2008

Lesen Sie KARL MARX - Zur Judenfrage... und Sie werden staunen, was ein Jude über die Juden so schreibt...

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