Peter Altenberg – Pudelhaar auf nackter Scham

Adolf Loos (left) and Peter Altenberg (right) ...

Adolf Loos (left) and Peter Altenberg (right) ...

Peter Altenberg wurde am 9. März 1859 in Wien als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. Altenberg studierte erst Jura, dann Medizin, brach die Akademikerlaufbahn aber ab und nahm eine Buchhändlerlehre bei der Hofbuchhandlung Julius Weise in Stuttgart auf. Diese brach er ebenso ab wie einen erneuten Versuch des Jura-Studiums. 1895 verfasste er erste literarische Arbeiten, durch den Kontakt mit Karl Kraus kam es ab 1896 zu Veröffentlichungen (Skizzenband Wie ich es sehe). Im März bzw. April 1900 trat er „aus der israelitischen Religionsgemeinschaft“ aus, blieb dann viele Jahre konfessionslos und ließ sich schließlich im Jahr 1910 in der Karlskirche taufen. Sein Taufpate war der Architekt Adolf Loos. Altenberg, der nach einer kurzen Zeit in München wieder nach Wien zurückgekehrt war, war dort schon zu Lebzeiten eine stadtbekannte Figur, um die sich die Legenden rankten. Nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, ein normales Berufsleben zu beginnen, attestierte ihm ein Arzt wegen einer „Überempfindlichkeit des Nervensystems“ die Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben. Seither führte er das Leben eines Bohemiens und verbrachte die meiste Zeit in Kaffeehäusern. Von kurzen Eindrücken, flüchtigen Begegnungen und zufällig mitgehörten Gesprächen inspiriert, schrieb Peter Altenberg als Gelegenheitskünstler kleine Prosastücke. Diese stellen eine impressionistische Studie der Gesellschaft und des Lebens der Wiener Moderne dar.

Pudelhaar auf nackter Scham

03.04.2009 | 14:16 | Von Otto Brusatti (Die Presse)

Kürzlich konnte, wer wollte, des 150. Geburtstags von Peter Altenberg gedenken. Und die Fin-de-Siècle-Sehnsucht schlug wieder Purzelbäume.

Dass Altenberg alles andere als ein harmloser Schrulli war – wen kümmert’s?

Wir begehen gern allerlei. Geburts-und Todestage nämlich. Als Anhaltspunkte, Gelegenheiten zum Beweisen der eigenen kulturellen Klugheit und vor allem unseres sauberen historischen Verständnisses. Sie sind zudem höchst praktisch, um Gelder locker zu machen – im Großen für Ausstellungen oder Editionen (vgl. heuer etwa Haydn oder Mendelssohn oder Händel), im Kleineren für Bücher (vgl. heuer etwa Darwin oder Lincoln), sonst natürlich für gescheite Artikel in gescheiten Zeitungen.

Peter Altenberg kam auch schon dran. Er, der liebenswerte Altwiener mit seinem verschwindenden, aber offenbar doch netten Œuvre, welches sowieso in kein Literaturschema passt, welches aber Österreich und Wien sonst scheinbar fehlende Poesiezuordnungen zwischen Ex- und Impressionismus ermöglicht, er lebte von 1859 bis 1919. Weise Artikel und Monografien sind erschienen. Die Fin-de-Siècle-Sehnsucht schlägt wieder einmal Purzelbäume. Man trauert der goldenen Zeit des goldenen Klimt und des Schnitzler, des Schönberg oder des Uralt-Franz-Josef geübt nach. Ein Peter Altenberg steht diesmal inmitten, eine Type aus der angeblichen Kaffeehausliteratur (wer hat eigentlich eine so saublöde und falsche Bezeichnung erfunden?), Poet und Totalverweigerer und Säufer, aber ein Chaos-Darling für die tatsächlich Kreativen. Man verzieh ihm damals und verzeiht ihm heute fast alles.

Zwei spontane Fragen jetzt.

Wer kann, wenn nicht zufällig aus der literaturwissenschaftlichen Profession stammend, von diesem total Kaputten, selbst liebevoll sich annähernd auch nur irgendetwas als gut gelesen benennen, wer kennt eigentlich (außer ein paar Topoi) wenigstens ein tolles Kapitel von diesem Peter Altenberg? Und zweitens, darf man, selbst als ein Freund seiner Aphorismen oder als ein Bewunderer seiner gesucht manieristischen Texte, ihm alles verzeihen?

Der Reihe nach. Er heißt Richard Engländer, mit diesem Namen wurde er geboren; ein Schul- und Studienabbrecher; Jude, übergetreten; stets auf der Suche nach einem eigenen Stil. Exzentriker, Schnorrer, Frauenverehrer. Sodann – und wir folgen nun den Kapiteln offizieller Biografien: Individualist, Sammler, Verfolgungswahn, Irrenanstalt, Tod. Peter Altenberg unterscheidet sich wenig von der übrigen Gruppe durchaus charmanter, gebildeter und hintergründiger, sonst aber gescheiterter österreichischer Schriftsteller, die hauptsächlich davon lebten, dass die tatsächlich Großen der Zeit sich solche Leute als Kasperln hielten, was ja bereits für eine Unsterblichkeit wenigstens so bis heute ausreicht. (Karl Kraus rief, wie auch Friedell, Hofmannsthal oder Reinhardt, sogar zu Spendenaktionen für den Komatrinker auf; Adolf Loos ließ ihn sehr nahe in seine wechselnden Familien ein und fungierte als Katholizismus-Taufpate für den damals schon fast 50-jährigen Altenberg.)

Und doch (und damit gleiten wir nun behutsam aus dem geburtstäglichen Fallbeispiel eines weiland komischen Wieners in etwas sehr Wichtiges für heute hinüber), und doch also, dieser liebe Schrulli mit der gekonnten Feder für Prosaskizzen, in welchen die Formlosigkeit zur Form erhoben wird, war menschlich (jetzt wird es bewusst salopp, aber durchaus nicht übertreibend) eine ziemlich miese Sau!

Zur Erklärung dieser scheinbaren provocatio post mortem folgt jetzt ein Zurückspringen in das Heute: Denn aktuell-medial macht man das nun gleich Geschilderte, Erinnerte, Hingewiesene, zum Glück publik. Es wird endlich offen mitgeteilt, verurteilt, öffentlich angeprangert. Dieses „es“?

Gemeint ist, dass zum Beispiel weltweite Internetforen existieren (mit verblüffend und entsetzlich vielen Zugriffen), welche nackte Kinder (in Posen, beim Vergewaltigt-, beim Ermordet-Werden) anbieten. Kid-Porno und Snuff heißt dieses Geschäft. Die Anbieter und bald auch die Nutzer stellt man mehr und mehr an den Pranger.

Dieser Peter Altenberg war als Autor zwar auch gern ein Pornograf von Graden, vor allem offenbar als Gebrauchsware für seine erwachsenen Fans. Allein, dieser Peter Altenberg war zudem ein Sammler von Mädchennacktfotos, von lasziven Abbildungen von Kindern unter 14 Jahren. Er drapierte damit auch gern die engen Wände um seine Bettstatt. Er verfasste gierig-anhimmelnde Prosa, gerichtet an die realen, kleinen Personen. Es ist ja sowieso oft bereits dasjenige grenzwertig, was jener „Dichter“ Altenberg in seiner schmalen, veröffentlichten Prosa so alles erzählt. Manches dort hat er einfach von Schnitzler gestohlen, manches hingegen ist in seiner triefenden Pseudoverehrung für weibliche Wesen im Stadium des Kindes zum Kotzen.

(Altenbergs vielleicht am bekanntesten gebliebener Text, die Prosaskizzen „Ashantee“, beschreibt schwülstig damals in Wien und ähnlich anderswo lebendig ausgestellte, ganz junge Schwarzafrikanerinnen als mehr oder weniger Jahrmarktattraktionen; ein schlimmer Sexualimperialismus war das im goldenen Siècle, ein öffentliches Pornozeitphänomen; Altenberg umkränzt alles sprachlich mit einer Poesiebegierde, die heute streckenweise schwer erträglich nachzulesen ist.)

Man schaue weiters lieber nicht unvorbereitet in Altenberg-Nachlässe, so diese überhaupt zugänglich oder gut erhalten sind. Zudem gibt es so etwas im herkömmlichen Sinn gar nicht. Altenberg verquickte bloß seine Briefmassen (vor allem aus seinen Semmering- und Graben-Hotel-Refugien) mit den Textskizzen. Die Fülle an schmachtendem Geschreibe wird irgendwann mühevoll und langweilig werden. Doch die Mädchennacktfotos zwischendurch (gelegentlich im Vaginalbereich rot bekritzelt) machen betroffen. Und die vielen Korrespondenzen, wo mit hoch auffahrenden Buchstabenketten immer wieder betont wird, kein Jude mehr zu sein, erzeugen vor allem kritisches Mitleid.

Der „Dichter“, dessen Aufgeil-Material und die heute ihm dargebrachte Verehrung werfen allerdings noch ganz andere, prinzipielle, weit über den kümmerlichen Einzelfall Altenberg hinausgehende Fragen auf. Nämlich. Wie sehr dürfen, sollen, müssen wir als Nachgeborene die höchst individuellen Vorlieben oder Verbrechen, sodann vor allem die schleimig-individuellen Ideologien libertinöser oder politischer Art auch bei unserem bloßen Kunstverehren, dann aber beim wissenschaftlich Abhandeln, beim Weitertradieren der Werke jener „Größen“ oder gar „Genies“ beachten, sie immer voll für jegliche Interpretation heranziehen (und sie damit bewusst unseren heutigen Vorstellungen von Politik, Anstand und Sittlichkeit unterwerfen)?

Oder, brutaler noch einmal vom gegenständlichen Exempel ausgehend: Sollten solche Altenberg-Hardcore-Süchte nicht zwangsläufig bei jeder Rede, in jeder Schrift über ihn eine neue Primärrolle spielen müssen, gerade jetzt, nach dem 150. Geburtstag im März 2009? Sollten diese im Blickwinkel der von uns erarbeiteten Begriffen von Anstand nicht stets auch Ausgangspunkt sein (müssen) bei Würdigungen, Essays oder literaturwissenschaftlichen Artikeln? Ja oder nein? Hier mag gar nicht die Behauptung aufgestellt werden, dass unsere Zeit vielleicht um vieles exakter, keuscher oder korrekter geworden ist. Aber es wird im Jahr 2009 vielleicht in manchen Bereichen schon mit einem höheren Sauberkeitsanspruch nachgedacht als vor 100 Jahren und stets die Unantastbarkeit des Menschen vor sehr viel Pseudokunst platziert.

Allein, solcher imaginären konzentrischen Kreise werden es sodann bald viele, beginnt man dergestalt über unsere lieb dahintradierte Kunst-, Kultur- und Geisteswissenschaften nachzudenken. Erst vor wenigen Wochen wurden zum Beispiel, jetzt ideologiepolitisch gesehen, solche Fragen am Beispiel des Hanns Eisler virulent. Man präsentiert den Komponisten soeben im Jüdischen Museum zu Wien, einen Kongress mit internationaler Besetzung gab’s dazu. Und man agiert(e) dabei so wie immer (überraschenderweise nicht unwidersprochen übrigens, vor allem auch in diesem Blatt). Dem weiterhin grassierenden Positivismus in den Geisteswissenschaften ist es nämlich sonst egal, was den Gegenstand seiner Betrachtungen nämlich aus aktueller Sicht obsolet machen könnte. Im Fall des Hanns Eisler schert(e) man sich wenig darum, dass hier ein Stalinist und Opportunist, ein Mitbejubler des DDR-Mauerbaus und ein Verfasser schäbigster Parteimusik herumgefuhrwerkt hat. Man stellt(e) vielmehr ihn, wiewohl ehedem ein Schönberg-Schüler und Brecht-Kumpel und lebensbedroht Vertriebener, in eine Reihe von mit ihm ideologisch überhaupt nicht vergleichbaren Komponisten nicht ganz der ersten Kategorie im 20. Jahrhundert (Schreker, Gál, Korngold oder Wellesz – alle zuvor in selber Weise mit Ausstellungen und Symposien geehrt).

Die eingangs gestellte Frage sei nun wiederholt: Ab wann disqualifiziert sich das Hinterlassene großer und weniger großer Komponisten, Literaten et cetera auf Grund persönlicher, politischer oder sexueller „Vorlieben“ von vornherein – und wie viel davon? Natürlich kann man weiterspekulieren. Nennt man Herrn Eisler im Politisch-Opportunistischen auf der einen Seite, dann muss man – vice versa – den ebenso Österreicher namens Franz Schmidt anführen, der, als die wahrscheinlich zentrale und führende österreichische Musikperson vor 1938, noch im Totenbett stolz an seiner „Deutschen Auferstehung“ herumkomponiert hat, einer Kantate, in der sich alle im Führer-Bejubeln und Sieg-Heil-Schreien nur so überpurzeln. Aber – und beklemmend – noch mehr im Weiterfolgern: Wie begegnet man dann (ausgehend von unserer soeben formulierten Altenberg-Kritik am Unsauberen) einem alternden Adolf Loos, ja selbst einem Erzieher und Schülerverliebten namens Beethoven?

Übrigens Nummer eins: Aufruhr machten Texte von Peter Altenberg eigentlich nur einmal. März 1913, Skandalkonzert im Musikverein. Die Schönberg-Clique stellte Neues vor, darunter auch die Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten Peter Altenbergs von Alban Berg. Es kam spätestenswährend der Wiedergabedieser Musik (heute zu Recht als eine der österreichischen Spitzen im 20. Jahrhundert angesehen) zu Tumulten, welche in Watschenszenen gipfelten. Aber da ging es um die an der Schwelle harrende Moderne tatsächlicher Kunst und nicht um Altenbergs verschwitzte Fantasien.

Übrigens Nummer zwei: Als die Stadt Wien eine gelungene Auslandskultur noch betrieb (vor 15 oder 20 Jahren), da gestaltete und schickte man Ausstellungen in und nach Übersee. In den USA oder in Asien prunkten die Sisi-Zeit, der Jugendstil und halt die üblichen historischen Angebereien der Stadt. In Japan konnte damals allerdings ein Teil der hinübertransportierten alten Fotos doch nicht präsentiert werden. Man beschlagnahmte die Sachen beim Tokioter Zoll, hielt sie wie in Quarantäne unter Verschluss und retournierte sie.

Es handelte sich um eine Fotoserie, die Peter Altenbergs Schlafzimmer geschmückt hatte. Die Sujets: vor allem nackte Mädchen im Stadium gerade einsetzender erster körperlicher Pubertätsmerkmale. Was die japanischen Behörden aber dergestalt irritierte, war die Tatsache, dass dieser Herr Altenberg zudem an seinen Kid-Pornos manipuliert hatte. Altenberg beraubte nämlich einst – und da rasteten die Ostasiaten aus – einen Pudel einiger seiner schwarzen Haarlocken und klebte diese, „bildwirkungserweiternd“, auf die Schamgegend der abgebildeten Mädchen.

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