Karl Kraus

Karl Kraus, memorial plaque in Vienna, Lothrin...

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Karl Kraus wurde am 28. April 1874 als Sohn des jüdischen Papierfabrikanten und wohlhabenden Kaufmanns Jakob Kraus und seiner Frau Ernestine (geborene Kantor) geboren. Im Jahr 1877 zog die Familie nach Wien. Seine Mutter starb im Jahr 1891.

Bereits 1899 trat Karl Kraus aus der jüdischen Kultgemeinschaft aus und ließ sich nach einigen Jahren der Konfessionslosigkeit im Jahr 1911 katholisch taufen.

Dieser Schritt aber blieb der Öffentlichkeit unbekannt, bis Karl Kraus ihn 1922 in aufsehenerregender Weise rückgängig machte – als Protest gegen eine Kirche, welche die Salzburger Kollegienkirche dazu hergab, dass Max Reinhardt darin Theateraufführungen inszenierte.

Kraus’ Schriften weisen stellenweise einen Duktus auf, den man als antisemitisch auffassen könnte, so etwa, wenn er das „Jüdisch-Deutsch“ als „mauscheln“ bezeichnet, oder wenn er in Rückgriff auf die Ritualmorde der Juden die Tätigkeit des Herausgebers der Neuen Freien Presse, Moriz Benedikt, einen „Ritualraub“ nennt.

Auch in der langwährenden polemischen Auseinandersetzung Kraus’ mit Heinrich Heine, einem deutsch-jüdischen Schriftsteller wie Kraus selbst, dem er vorwirft, er habe der deutschen Sprache das Mieder gelockert, so dass jeder Kommis nun an ihren Brüsten herumfingern dürfe, finden sich zahlreiche versteckte und offene Anspielungen auf Heines Judentum, obwohl sich Heine im Juni 1825 taufen ließ.

Diese Ambivalenz gegenüber der eigenen Herkunft und die Neigung, die vermeintlichen „typisch jüdischen“ Eigenschaften vornehmlich als negativ aufzufassen, ist jedoch keine spezifische Eigenschaft Karl Kraus’. Eine assimilierungswillige und weitgehend schon assimilierte Judenschaft in Wien traf auf die aus Galizien und Lodomerien nach Wien strömenden ostjüdischen Glaubensgenossen mit ihrem als unzeitgemäß empfundenen Kaftan, ihren Schläfenlocken und ihren Tefillin – und empfand Fremdheit und Beklemmung. Die „Westjuden“ legten Wert darauf, nicht mit den „Ostjuden“ verwechselt zu werden, hingen mit besonderer Liebe an Deutschland und Österreich und gaben sich bisweilen deutscher als die christlichen Deutschen, waren kulturell überaus engagiert, wirtschaftlich erfolgreich und wollten angesichts einer Zeit, welche die atavistische Judenfeindschaft scheinbar ein für allemal überwunden hatte, den Geruch und die Erniedrigung des jahrhundertelangen Ghettos hinter sich lassen, ohne von osteuropäischen Glaubensbrüdern erneut daran erinnert zu werden. Außerdem bestand die Sorge, dass die Ostjuden durch ihre Erscheinung und ihre fremden Gebräuche alte Ressentiments von neuem beleben könnten – zumal gerade gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Wien und anderswo das Phänomen des Antisemitismus immer stärker um sich griff. Zur Wiederentdeckung der Kultur des Ostjudentums hat es eines Martin Buber bedurft.

Gerade Kraus, Abkömmling einer wohlhabenden Familie großbürgerlicher Industrieller, musste dazu neigen, dieses Empfinden der alteingesessenen Judenschaft zu teilen.

Die von Kraus vertretene Einstellung des arrivierten Judentums zur jüdischen Frage lässt sich gut an seinem Pamphlet Eine Krone für Zion (1898) erkennen, das auf Herzls Publikation Der Judenstaat antwortet. Die Krone, eigentlich die österreich-ungarische Währung (wobei für die Berechtigung einer Teilnahme am Zweiten Zionistischen Kongress als Mindestspende eine Krone zu erlegen war), wurde von Kraus als Krone eines Möchtegern-„Königs von Zion“ gedeutet. Kraus warf dem Zionismus vor, zu einem historischen Fehler anzusetzen: Er verlasse den einzig erfolgversprechenden Pfad der Assimilierung und führe in die Irre, und er spiele außerdem denjenigen in die Hände, die eine Trennung zwischen Juden und Nichtjuden herbeiführen wollten. Insbesondere den militanten Zionisten sei es gelungen, „Christen, die dem Antisemitismus bisher keinerlei Geschmack abgewinnen konnten, von der Heilsamkeit der Absonderungsidee zu überzeugen“. Der Zionismus werde vor der Integration kapitulieren müssen: „Es ist kaum anzunehmen, dass die Juden diesmal trockenen Fußes in das Gelobte Land einziehen werden, ein anderes rotes Meer, die Sozialdemokratie, wird ihnen den Weg dahin versperren.“

Außerdem fühlte sich Kraus auch infolge seiner jüdischen Abstammung grundsätzlich dazu verpflichtet, sich von einer Idee nicht vereinnahmen zu lassen und für einen eigenen Judenstaat optieren zu müssen:

Er fühlte sich als Österreicher und Wiener. Darin wusste sich Kraus mit einem bedeutenden Teil der altansässigen Judenschaft einig, welche – so sehr sie auch die Notwendigkeit einer Lösung für das bedrängte Ostjudentum sehen mochte – für sich selbst einen Sinn und einen Zweck der Bewegung des Zionismus nicht erkannte, weil sie nicht sah oder sehen wollte, was Theodor Herzl inmitten des Tumults im Verlauf des Dreyfus-Prozesses gefolgert hatte.

Die Distanz zu den eigenen Wurzeln hat sich bei nicht wenigen Angehörigen der assimilierten Judenschaft in einer Haltung entladen, die als „jüdischer Selbsthass“ bezeichnet wurde. Wenngleich es auch nicht an Stimmen fehlte, die eine überstürzte Assimilierung als würdelos ansahen, ging der Tenor dahin, den Begriff „jüdische Eigenschaften“ als negativ besetzt anzusehen und die eigene jüdische Herkunft möglichst zu ignorieren – wofür das Werk von Karl Kraus, der jene allerdings nicht verleugnet hat, in vieler Hinsicht ein Beispiel darstellt.

Verkennen sollte man allerdings nicht, dass Kraus viel eher als die Juden die Antisemiten unter seinen Zeitgenossen lächerlich fand. In dem Aufsatz Er ist doch e Jud (Oktober 1913) druckt Kraus die Zuschrift eines Lesers ab, welcher ihn bittet sich dazu zu erklären, ob ihm, Kraus, „nichts von allen den Eigenschaften des Juden anhaftet“, und „welche Stellung“ Kraus zu dem Satz einnehme, „dem auch Lanz-Liebenfels beipflichtet“, dass man nämlich „aus der Rasse … nicht austreten“ könne. Kraus führt dazu aus, es sei nicht seine Sache, „mir meinen Kopf von fremden Leuten zerbrechen zu lassen […] Meine Unbildung bringt es mit sich, daß ich über das Rassenproblem kaum so viel auszusagen wüßte, als notwendig ist, um in einem halbwegs anständigen Kegelclub, der auf sich hält, noch für einen intelligenten Menschen zu gelten. Trotzdem war es möglich, daß ein Fachmann wie der Dr. Lanz von Liebenfels, auf den sich auch mein Prüfer beruft, mich als den ‚Retter des Ario-Germanentums‘ angesprochen hat. Wie das zugeht, weiß ich nicht, da doch diese Rassenantisemiten auch den Satz aufgestellt haben: ‚Aus der Rasse kann man nicht austreten‘ […] Ich weiß nicht, ob es eine jüdische Eigenschaft ist, das Buch Hiob lesenwert zu finden, oder ob es Antisemitismus ist, ein Buch Schnitzlers in die Ecke zu werfen […] Mit der Rasse kenne ich mich nicht aus“.

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach Veröffentlichung von Eine Krone für Zion schrieb Kraus dazu: „Ich kann, da ich nicht mit soviel Gesinnung auf die Welt gekommen bin wie ein zionistischer Redakteur, unmöglich als Fünfzigjähriger aufrechterhalten, was ich als Dreiundzwanzigjähriger geschrieben habe.“ Jedoch „Reue als Vorstellung, dass ich es damals hätte unterlassen oder anders tun können, kann sich nie meiner bemächtigen. Das wäre doch nur möglich, wenn ich wüsste, dass ich es gegen meine Überzeugung getan hätte!“

Der Ambivalenz seiner überkommenen Einstellung zur jüdischen Frage scheint Kraus sich durchaus bewusst gewesen zu sein, als er etwa in der Dritten Walpurgisnacht einen Brief an den WDR abdruckte, der Kraus im April 1933 um die Überlassung einiger Probeexemplare von dessen Übersetzung der Sonette Shakespeares gebeten hatte. Kraus gab vor, den Redakteur „vor einem Mißgriff zu bewahren, der Sie in Widerspruch zu den in Deutschland geltenden Richtlinien der kulturkritischen Betrachtung bringen könnte“: Er selbst sei ein jüdischer Autor, doch fehle in den Büchern ein Hinweis auf eine „Übersetzung aus dem Hebräischen“ (im Sinne einer Art literarischen Judensterns).

Karl Kraus war sich bewusst, dass der nationalsozialistische Rassebegriff ihn als jüdischen Autor einstufen würde, er konnte tun oder lassen, was er wollte.

Lesen Sie KARL MARX - Zur Judenfrage... und Sie werden staunen, was ein Jude über die Juden so schreibt...

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